Das Geheimnis Ihres Lernens
„Das lerne ich in meinem Alter nicht mehr.“ „Ich bin halt kein Zahlenmensch.“ „Ich bin eher der visuelle Typ.“ Viele kennen diese Sätze. Sie klingen vertraut. Manchmal sogar beruhigend — eine Art Frieden mit sich selbst. Nur: sie stimmen meistens nicht.
Sieben Dinge, die Sie wahrscheinlich über Lernen wissen - und kaum etwas davon stimmt.
Von Matthias Ehrhardt, Autoris
„Ich kann mir keine Namen merken.“
Schon mal gehört? Oder vielleicht selbst gedacht?
„Das lerne ich in meinem Alter nicht mehr.“ „Ich bin halt kein Zahlenmensch.“ „Ich bin eher der visuelle Typ.“ Viele kennen diese Sätze. Sie klingen vertraut. Manchmal sogar beruhigend — eine Art Frieden mit sich selbst. Nur: sie stimmen meistens nicht.
Warum sagen wir sie dann so oft? Ein Grund dafür ist ihr heimlicher Zweck: sie ersparen uns vermeintlich Mühe. Wenn „ich halt so bin“ — warum sollte ich überhaupt versuchen, eine Gewohnheit zu ändern? Mein Gedächtnis zu verbessern? Etwas Neues zu probieren? „Wird ja eh nichts.“ Allerdings: was nach Selbsterkenntnis klingt, ist oft das Gegenteil: Selbsttäuschung. Wir können mehr lernen und ändern, als wir uns zutrauen.
Und das ist unsere Chance. Alvin Toffler brachte es bereits 1970 in seinem Buch Future Shock auf den Punkt: „Die Analphabeten des 21. Jahrhunderts werden nicht diejenigen sein, die nicht lesen und schreiben können, sondern diejenigen, die nicht lernen, verlernen und neu lernen können.“
Seine Erkenntnis ist heute aktueller denn je. In einer Zeit, in der Reskilling und lebenslanges Lernen nicht mehr nur Schlagworte, sondern Berufsrealität sind, wird die Fähigkeit zu lernen tatsächlich zur zentralen Kompetenz des 21. Jahrhunderts.
Was genau meinen wir dabei mit Lernen? Eine breite Definition versteht Lernen als den „Prozess des Aneignens und Veränderns von Wissen, Fähigkeiten, Verhalten, Gewohnheiten und Einstellungen.“ Fünf Dimensionen — und in jeder davon können wir uns zurückentwickeln, stagnieren oder aktiv verbessern.
Was aber steht uns beim Wachsen im Weg? Mangelndes Talent? Kaum. Das haben Forscher wie Geoff Colvin eingehend untersucht.¹ Der größte Stolperstein auf dem Weg zum Erfolg liegt in uns selbst. Es sind Annahmen über unsere Lernfähigkeit oder — noch schlimmer — unsere vermeintliche „Lernunfähigkeit“. Ihr wissenschaftlicher Begriff: Lernmythen. Sie klingen wahr, sind es aber selten. Und können umso gefährlicher sein. Jemand verglich sie mit giftigen Pilzen — von außen verlockend, kaum unterscheidbar — und im günstigsten Fall schwer verträglich.
Lernmythen. Wir sollten sie kennen.
„Ich bin der visuelle Typ“
Irgendwann in den 1990er Jahren begann sich eine Idee in Schulen, Unternehmen und Weiterbildungsseminaren zu verbreiten: dass Menschen unterschiedliche Lerntypen haben — visuell, auditiv, kinästhetisch — und am besten lernen, wenn der Unterricht auf ihren Typ abgestimmt ist. Das klang plausibel, klingt heute noch plausibel und wurde millionenfach wiederholt.
Der Haken: Es gibt dafür kaum wissenschaftliche Grundlagen. Das Konzept geht auf Arbeiten der frühen 1920er Jahre zurück — Studien zu mentalen Bildern und Wortgedächtnis, die ohne ausreichende Belege auf alle Lernenden und alle Fächer verallgemeinert wurden.² Was seitdem systematisch untersucht wurde: Menschen haben durchaus Vorlieben; manche mögen Visualisierungen, andere hören lieber zu. Aber es gibt keinen verlässlichen Beleg dafür, dass das Abstimmen des Unterrichts auf diese Vorlieben die Lernergebnisse verbessert.³ Die sogenannte Matching-Hypothese hat sich in Studien bislang nicht bestätigt.
Und dennoch gehören Lerntypen zu den verbreitetsten Neuromythen — auch unter Menschen mit wissenschaftlicher Ausbildung.⁴
Mozarts Babys
1993 erschien eine Studie der University of California. 36 Studierende hörten zehn Minuten Mozart und schnitten danach kurzzeitig besser bei einem räumlichen Denktest ab. Zehn Minuten, 36 Personen, ein einziger Test. Daraus wurde der Mozart-Effekt. Eine Milliarden-Dollar-Industrie. Baby-Einstein-CDs, Klangkissen für den Babybauch, Klassik-Abos für Säuglinge.
Die Originalstudie zeigte keinen IQ-Anstieg, keinen Langzeiteffekt, nichts über Babys.⁵ Folgestudien fanden keinen robusten Effekt, und einer der ursprünglichen Autoren nannte den Hype später eine „wissenschaftliche Legende“.⁶ Der eigentliche Punkt: aktive Musikerziehung — also spielen, üben, lernen — hat nach heutigem Kenntnisstand tatsächlich positive Auswirkungen auf die kognitive Entwicklung.⁷ Aber das ist anstrengend. Klangkissen sind bequemer.
Wir nutzen nur zehn Prozent unseres Gehirns
Etwa die Hälfte aller Lehrerinnen und Lehrer glaubt das noch immer.⁸ Der Film „Lucy“ mit Scarlett Johansson aus dem Jahr 2014 hat diesen Glauben für ein neues Publikum aufgefrischt: Was wäre, wenn wir plötzlich 100 Prozent nutzten?
Was moderne Bildgebungsverfahren zeigen: Alle unsere Hirnareale sind praktisch permanent aktiv und funktional eingebunden — je nach Aufgabe stärker oder schwächer, aber nach aktuellem Forschungsstand nicht auf zehn Prozent reduziert, nicht mal im Schlaf.⁹
„Das lerne ich in meinem Alter nicht mehr“
Diesen Satz sagen Menschen manchmal mit 35.
Das Gehirn verändert sich — ein Leben lang. Bildgebungsstudien über längere Zeiträume zeigen, dass strukturelle und funktionale Veränderungen bis in die Zwanziger und in manchen Fällen bis in die Dreißiger andauern — Synapsenbildung, Myelinisierung, Neuorganisation von Netzwerken.¹⁰ Neuroplastizität lässt sich in jedem Lebensalter beobachten, auch wenn sie sich mit den Jahren verändert.¹¹
Carol Dweck, Psychologieprofessorin an der Stanford University und Autorin von Mindset, unterscheidet zwei grundlegende Haltungen gegenüber den eigenen Fähigkeiten. Ein Growth Mindset — die Überzeugung, dass Fähigkeiten durch Einsatz und Erfahrung wachsen können — geht mit der Bereitschaft einher, Herausforderungen anzunehmen, Rückschläge als Information zu lesen und dranzubleiben, auch wenn es schwierig wird. „Warum sollten Sie weiter beweisen wollen, wie gut Sie sind“, fragt Dweck, „wenn Sie stattdessen besser werden könnten?“¹² Das Gegenteil nennt sie Fixed Mindset: die Überzeugung, dass Fähigkeiten angeboren und weitgehend unveränderlich sind. Menschen mit dieser Tendenz neigen dazu, Herausforderungen eher zu meiden — nicht weil sie sie nicht bewältigen könnten, sondern weil ein Scheitern ihre Überzeugung bestätigen würde. Ein sich selbst verstärkender Kreislauf.
Ein konkretes Beispiel für Growth Mindset liefert Joshua Foer. Der Journalist und Unternehmer hatte sich ein Jahr lang ausführlich mit Gedächtnis-Spitzenleistungen beschäftigt — und dabei bemerkt, wie viel sich durch gezieltes Training tatsächlich verändern lässt. Am Ende gewann er die US-amerikanische Gedächtnismeisterschaft - und beschrieb diese Erfahrung in seinem Buch Moonwalking with Einstein. ¹³
Was sich mit dem Alter möglicherweise verändert, ist häufig nicht die Fähigkeit zu lernen, sondern das Vertrauen in sie. Ältere Lernende bringen dabei etwas mit, das Jüngere oft unterschätzen: Kontext, Erfahrung, Selbstregulation. In Japan gibt es Wartelisten für öffentliche Universitätsvorlesungen, an denen vorwiegend ältere Erwachsene teilnehmen.
Manche Fenster verengen sich tatsächlich mit der Zeit. Ein makelloser Akzent in einer neu erlernten Sprache wird nach aktuellem Forschungsstand mit zunehmendem Alter tendenziell schwieriger — wobei Ausnahmen existieren und die Befundlage nicht einheitlich ist.¹⁴ Das sind jedoch enge, spezifische Bereiche, die im Alltag häufig auf alles übertragen werden, was sich lernen lässt.
Albert Mehrabian und die Zahl, die er nicht mehr los wurde
Irgendwann haben sich drei Zahlen in Kommunikationsseminaren, Führungstrainings und Präsentationsleitfäden weltweit festgesetzt: 7–38–55. Sieben Prozent einer Botschaft werden durch Worte vermittelt, 38 Prozent durch die Stimme, 55 Prozent durch Körpersprache.
Albert Mehrabian, Psychologe an der University of California (UCLA), entwickelte diese Zahlen in den 1960er Jahren. Was dabei häufig unerwähnt bleibt: Er untersuchte ausschließlich inkongruente Botschaften — Situationen, in denen Worte und Mimik einander widersprachen. Konkret ging es um die emotionale Wirkung eines einzigen Wortes in Abhängigkeit von Mimik und Tonfall. Ein Wort, eine sehr spezifische Situation, Studierende als Versuchspersonen — und daraus wurde „7-38-55" als universelle Regel für scheinbar jegliche Form von Kommunikation.¹⁵
Mehrabian wehrte sich dagegen in Interviews, Briefen und öffentlichen Stellungnahmen. „Diese Gleichung gilt nicht für normale Gesprächssituationen“, stellte er wiederholt klar — ohne durchzudringen. Die Seminare laufen weiter, die Zahl steht in Tausenden von Büchern, und viele Menschen haben ihre Energie in Körpersprachen-Trainings investiert, die auf dieser Fehlinterpretation basieren-anstatt ihre Inhalte vorzubereiten. Letzteres wäre für viele wahrscheinlich der weitaus wirksamere Hebel gewesen...
Maxwell Maltz’ teuerste Notiz
„Fangen Sie heute an, und in drei Wochen sind Sie ein neuer Mensch". Diese Botschaft zieht sich bemerkenswert konsistent durch Selbsthilfebücher, Coaching-Programme und Social-Media-Challenges.
Woher kommt sie? In den 1960er Jahren beobachtete der amerikanische Schönheitschirurg Maxwell Maltz, dass seine Patienten etwa 21 Tage brauchten, um sich an ihr verändertes Aussehen zu gewöhnen — eine neue Nase, ein korrigiertes Kinn. Er schrieb darüber, das Buch wurde ein Bestseller, und die 21 Tage blieben — für alles und jeden.
Was die Forschung zeigt: Je nach Verhalten, Kontext und Motivation bilden sich Gewohnheiten zwischen 18 und 254 Tagen, im Schnitt nach etwa 66 Tagen.¹⁶ Das ist kein Grund zur Entmutigung. Es ist ein Hinweis darauf, dass Menschen, die nach drei Wochen aufgeben, weil „es nicht funktioniert“, möglicherweise einer Zahl vertraut haben, die ein Schönheitschirurg beim Blick auf Nasenoperationen notiert hat.
Das Disziplin-Missverständnis
Eng verwandt mit der 21-Tage-Regel ist die Überzeugung, dass Verhaltensänderung in erster Linie eine Charakterfrage ist. Wer es nicht schafft, will nicht genug. Wer scheitert, ist schwach.
James Clear, Autor des internationalen Bestsellers Atomic Habits, beschreibt eine andere Perspektive: Menschen mit guter Selbstdisziplin sind häufig diejenigen, die sie am wenigsten brauchen — weil sie ihre Umgebung so gestaltet haben, dass das erwünschte Verhalten leicht ist und das unerwünschte schwer.¹⁷ Nicht Disziplin, sondern Design. Wer abends keine Chips essen möchte, kauft sie gar nicht erst. Wer morgens laufen will, legt die Schuhe abends vor die Tür.
Clear nennt das Environment Design — und landet damit bei einem Befund, der sich durch die aktuelle Verhaltensforschung zieht: Kontext, Auslöser und Routinen erklären nachhaltiges Verhalten in vielen Fällen besser als reine Selbstkontrolle.¹⁸ Disziplin spielt eine Rolle. Als alleinige Strategie hat sie sich selten als ausreichend erwiesen.
Was tun?
Was kann uns in Anbetracht all dieser Mythen helfen? Hier ist die Antwort: Wir müssen unsere eigene Art zu lernen überdenken — und sicherzustellen, dass der Weg, auf dem wir Wissen aufbauen, Fähigkeiten entwickeln oder Verhalten verändern, auch wirklich funktioniert.
Mit anderen Worten: wir müssen neu lernen zu lernen.
Wie können wir damit beginnen? Ein Stift, ein Blatt Papier, fünf Minuten. Nehmen Sie sich - am besten jetzt - jetzt einen Moment und beantworten Sie zwei Fragen, möglichst konkret:
- Wann haben Sie in letzter Zeit wirklich etwas gelernt — so dass es geblieben ist?
Ganz konkret - wann haben Sie Ihr Wissen erweitert - oder altes Wissen durch neues ersetzt? Eine Fähigkeit aufgebaut? Ein Verhalten oder eine Gewohnheit wirklich verbessert? Oder gar Ihre Einstellung zu etwas verändert?
- Und was würden Sie beim nächsten Mal noch besser machen?
Was bei der Beantwortung der ersten Frage zutage kommt, kann schon ein riesiger Schritt sein. Denn selten genug machen wir uns bewusst, was wirklich funktioniert hat — aber genau darum geht es: Die Dinge, die erfolgreich waren, gezielt zu wiederholen. Klingt einfach? Ja, sollte es eigentlich sein. Aber viele von uns tun dies zu selten bewusst.
Zur zweiten Frage: was könnten wir noch besser machen? Hier liegt oft der eigentliche Durchbruch. Und die Erfarung zeit: manchmal reicht eine kleine Justierung, manchmal ist es ein völlig neuer Ansatz.
Wer Fähigkeiten aufbauen will, sollte vielleicht mehr üben als in Seminaren sitzen. Wer Gewohnheiten verändern möchte, sollte vielleicht die Umgebung gestalten, anstatt seine Willenskraft zu überfordern. Und wer Wissen wirklich verankern will — sollte es vielleicht einfach einmal jemand anderem erklären.
Das ist Lernen zu lernen. Es kann ganz einfach sein. Und zu großen Erfolgen führen.
Joshua Foer hat übrigens nie behauptet, ein besonders gutes Gedächtnis zu haben. Er sagt, er habe neu gelernt, es zu benutzen.
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Endnoten
1. Colvin, G. (2008). Talent Is Overrated: What Really Separates World-Class Performers from Everybody Else. Portfolio/Penguin.
2. Fallace, T. (2023). The long origins of the visual, auditory, and kinesthetic learning style typology. History of Psychology.
3. Huber, M. & Muller, C. (2023). Is there a learning type?! European Journal of Education Studies.
4. Macdonald, K. et al. (2017). Dispelling the Myth. Frontiers in Psychology.
5. Jenkins, J. (2001). The Mozart Effect. Journal of the Royal Society of Medicine, 94.
6. Mehr, S. (2015). Miscommunication of science. Frontiers in Psychology, 6.
7. Sala, G. & Gobet, F. (2020). Cognitive and academic benefits of music training. Memory & Cognition, 48.
8. Geake, J. (2008). Neuromythologies in education. Educational Research, 50.
9. Anum, S. et al. (2024). Evolution of the Human Brain and the Myth of its Ten-Percent Use. Social Evolution & History.
10. Vijayakumar, N. et al. (2018). Puberty and the human brain. Neuroscience & Biobehavioral Reviews, 92.
11. Goldberg, H. (2022). Growing Brains, Nurturing Minds. Brain Sciences, 12.
12. Dweck, C. S. (2006). Mindset: The New Psychology of Success. Random House.
13. Foer, J. (2011). Moonwalking with Einstein. Penguin Press.
14. Hartshorne, J. K. et al. (2018). A critical period for second language acquisition. Cognition, 176.
15. Lapakko, D. (1997). Three Cheers for Language: A Closer Examination of a Widely Cited Study of Nonverbal Communication. Communication Education, 46(1).
16. Lally, P. et al. (2010). How are habits formed: Modelling habit formation in the real world. European Journal of Social Psychology, 40(6).
17. Clear, J. (2018). Atomic Habits. Portfolio/Penguin.
18. Karppinen, P. et al. (2018). Opportunities and challenges of behavior change support systems. Journal of Biomedical Informatics, 84.